All good things come to an end

Ein letztes Mal Willkommen auf meinem Blog! Lange Zeit habe ich diesen Blogpost vor mir hergeschoben. Was nicht heißt, dass ich nicht schon ein paar Mal versucht hätte, ihn zu schreiben. Aber all die wirren Gefühle seit meinem Abschied in Worte zu fassen, mir nochmal all die Abschiedsfotos anzuschauen ist gar nicht so einfach..

Beginne ich bei meinem Abschied: Unaufhaltsam schienen die letzten Tage an mir vorbeizuziehen. Da wir noch vor Ende des Terms gingen, musste ich die letzten Erledigungen – Souvenirs kaufen, Koffer packen, mich von allen möglichen Leuten und Orten verabschieden – gefühlt so „nebenbei“ machen. Trotzdem gab es viele schöne Abschiede, angefangen mit meinen Schülern. An unserem letzten Schultag fand nämlich nachmittags eine Talentshow statt, bei der alle Schüler sich präsentieren durften. Die Lehrer wollten mich zum Judge machen, aber zum Glück konnte ich das Verweis auf meine Kamera ablehnen, jemand anderes hatte mich nämlich schon zur offiziellenn Fotografin ernannt. Mich nochmal unter meine liebsten Zweit- und Drittklässler zu mischen, war mir nämlich viel lieber.

P1060692Diese letzten Stunden, mit den Kindern abwechselnd auf meinem Schoß, Gelächter und hässlichen Fotos habe ich nochmal in vollen Zügen genossen, auch wenn natürlich schon der erste Abschiedsschmerz einsetzte. Ganz vorbei war es dann aber, als der Chor der ältesten Schüler sang. Die frechen Siebtklässler, die für so manchen Trubel verantwortlich waren, standen herausgeputzt und trugen „Seasons of Love“ vor.P1060721

„Five hundred twenty-five thousand six hundred minutes
Five hundred twenty-five thousand moments so dear
Five hundred twenty-five thousand six hundred minutes
How do you measure, measure a year?“

Als es dann zum eigenltichen Abschied kam, war ich auf einmal ganz taub. Mir schien, als würde ich die Situation, die vielen weinenden Kinder, die stürmischen Umarmungen, als Unbeteiligter wahrnehmen. Alle erwarteten von mir, dass ich in Tränen ausbrechen würde und gerade deswegen musste ich es nicht. Nach all den Tränen, die in den Tagen zuvor schon geflossen waren, weil ich in den dümmsten Situationen angefangen hatte, zu weinen, waren meine Tränen versiegt.

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Als dann nach einer langen Weile langsam alle Kinder gingen, merkte ich dann aber doch, dass mein Reservoir noch nicht erschöpft war..

Am Samstag lief ich nochmal nach Mondesa, um mein Fahrrad abzuholen, da ich am Abend zuvor mit dem Taxi nach Hause gefahren war. Als ich gerade über die Bahngleise laufen wollte, hörte ich eine Stimme, die ich überall erkennen würde. „Viiiiiiiiraaa! Look, there’s Vira!“. Ich dachte schon, dass ich die Kinder schon so sehr vermisse, dass ich mir Dinge einbilde, aber nein, da war tatsächlich Tonata, mit Albertina im Schlepptau und lief freudestrahlend auf mich zu. Den ganzen Tag wichen mir die beiden nicht von der Seite, egal ob auf dem Craft Market, im Supermarkt oder beim Fahrrad reparieren.

Abends war ich dann noch ein letztes Mal bei Jens, die anderen Freiwilligen hatten mir als Abschiedsgeschenk eine Tüte voller namibischer Leckereien zusammengestellt, worüber ich mich sehr gefreut habe! Der letzte Abend war dann ganz unspektakulär. Wir haben bei Sophie noch eine Serie geschaut, Amarula getrunken, und dann war er auch schon vorbei. Am nächsten Morgen waren wir, nachdem ich ein letztes Mal am Meer entlang gejoggt war, noch zusammen frühstücken und als ich nach Hause kam, standen ein paar Schüler vor der Haustür! Nach ein paar Spielen musste ich sie schweren Herzens weg schicken, da mittags schon der Shuttle kam. Dieser war dann auch noch eine Stunde zu früh, sodass der Abschied noch abrupter kam. Im Shuttle habe ich dann natürlich nochmal ein bisschen geheult, aber mittlerweile war ich ja dran gewöhnt..

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Meinen letzten Tag verbrachte ich in Windhoek. Nach all dem Stress der letzten Wochen konnte ich dort einen ganzen Tag entspannen und mir ein letztes Mal die namibische Sonne ins Gesicht scheinen lassen, was ich sehr genossen habe.

Im Flieger schlug all mein Abschiedsschmerz plötzlich in Vorfreude um. Plötzlich fuhr ich nicht mehr von etwas weg, sondern zu etwas hin. Während der Hinflug gefühlt unendlich lang war, ging der Rückflug in einem Augenblick vorbei. Den Moment, als ich aus der Ankunftshalle kam, meinen Eltern in die Arme fallen konnte (die beiden waren extra mitten in der Nacht für mich aufgestanden), werde ich nie vergessen.

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Schon an meinem Ankunftstag kam meine Familie vorbei und auch meine besten Freundinnen überraschten mich. Freitags kamen die Kinder aus meiner Leichtathletikgruppe vorbei und abends gab es sogar noch eine Überraschungsparty mit Freunden, Familie und Spendern. Über all das habe ich mich natürlich riesig gefreut, gleichzeitig wirkte es so unwirklich.

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Eine Girlande mit (fast) allem, was ich in einem Jahr so verpasst habe.

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Erinnert ihr euch an die Namibiatorte vom ersten Beitrag?

Und dann ist man plötzlich wieder zu Hause. „Zu Hause“. Und kommt sich so fremd vor. Man hatte es gar nicht so grün in Erinnerung, nicht so nass, nicht so vertraut. Die Straßen, der Supermarkt, mein Zimmer, alles altbekannt und doch wirkt es unglaublich falsch.

Ein Jahr lang war ich Ms Vera, Lehrerin, Trainerin, Freundin. Und auf einmal fällt das einfach weg. Wird von Tochter, Enkelin, Studentin übertüncht.

Reden fällt schwer. „Und? Wie war Afrika?“ Lieb gemeinte Worte. Immer die gleichen Phrasen. „War richtig, richtig gut!“ „Ich würde es wiedermachen!“ Nicht gelogen, aber auswendig gelernt. Ja, die Haare kommen aus Namibia, nein, es war nicht nur heiß. Immer die gleichen Fragen, die zu beantworten mir langsam auf die Nerven geht. Aber ich weiß gar nicht, was ich stattdessen lieber hören würde. An manchen Tagen würde ich am liebsten gar nichts hören, nicht drüber reden, keine Fotos sehen, die Kinderstimmen in meinem Kopof ausblenden. Dann scheint Namibia wie ein einziger schöner Traum. Einer, von dem du deinen Freunden zwar berichtest, der aber zu verrückt ist, als dass er mehr als ein Lächeln erntet.

An anderen würde ich am liebsten jede Einzelheit berichten. Wie Sion mit meiner Kamera endlose Portrait-Serien geschossen hat und als einziger Junge dabei nicht gepost, sondern gelächelt hat. Wie Susans Schwester Fenni, die mich kaum kannte, nur an meiner Hand Fußball spielen wollte. Wie Tonata in dem Augenblick, in dem er mein Fahrrad erblickte, meinen Namen rufend auf mich zugerannt kam, und wie er wegen der kleinsten Kleinigkeiten direkt eingeschnappt war. Wie wir abends am Braai saßen und langsam der hellste Sternenhimmel sichtbar wurde. Wie ich in den Tirasbergen unbedingt ohne Zelt schlafen wollte und dann die halbe Nacht gefroren habe. Wie ich Fatcakes dann doch noch mögen gelernt habe und mir zum Mittag Chips mit den Kiddies geteilt habe. Wie ich verzweifelt vor Kindern stand, die partout nicht auf irgendwen und schon gar nicht auf mich hören wollten. Wie ich Donnerstagabends mit den abenteuerlichsten Frisuren nach Hause kam, weil die Kinder mit meinen blonden Haares so gerne Friseur spielten. Wie ich trotz unseres cholerischen Coaches unsere Mädchenmannschaft ins Herz geschlossen habe.

Zweieinhalb Monate bin ich jetzt wieder hier und so langsam fühlt es sich wieder normal an, hier zu sein. Mein Studium hat vor zwei Wochen begonnen, ich kann ab November wieder meine Kinder trainieren, ich rechne nicht mehr alles in N$ um und vermisse das Englischsprechen nur noch ein klitzekleines Bisschen.

Ich würde gerade nicht nach Namibia zurückwollen. Den Kindern, mit denen ich noch in Kontakt habe, fällt es schwer, zu verstehen, dass ich nicht bald wieder komme. (Auch wenn ich ihnen natürlich schreibe, dass der Flug sehr teuer ist und ich zur Zeit zur Uni gehen muss.) Ich versuche gerade, mit dem Jahr abzuschließen und sobald ich mich zu sehr mit der Zeit beschäftige, tut es irgendwo tief in mir drin noch ziemlich weh.

Aber das tut es, weil ich so eine großartige Zeit hatte. Ich weiß nicht, wie häufig ich es mittlerweile gesagt habe, aber ich würde es auf jeden Fall wieder machen! Dieses Jahr war unglaublich schön und ich bin nach wie vor sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, 365 Tage in Namibia zu verbringen. Bleibt mir nur noch, danke zu sagen:

BAIE DANKIE an:

-alle Menschen die in Namibia gute Freunde geworden sind und mit denen ich die tollsten Momente erlebt habe. Sei es ein Ausflug zum Dead Sea, zur Blutkoppe, zum Swakop River, die Urlaube in Namibia, Botswana, Simbabwe und Südafrika oder auch einfach nur gemeinsames Kochen, abhängen und Sonnenuntergang gucken.

-alle von der Festus !Gonteb Primary School. Die Lehrer und Schüler haben uns mit einer Herzlichkeit empfangen, die ich so noch nicht erlebt habe. Mr Abraham, Ms Mungendje, Mrs Thouros und auch alle anderen hatten immer ein offenes Ohr für uns und haben dafür gesorgt, dass ich mich zu jeder Zeit gut aufgehoben gefühlt habe.

-Jens, der so viel mit den Freiwilligen unternommen und mich ein ganzes Jahr Wing Chung gelehrt hat.

-all meinen Freundinnen zu Hause, die sich meine Schwärmereien über dieses großartige Land und kleinere und größere Krisen anghört haben und mich immer auf dem neusten Stand hielten, ganz besonders Anna, Jenny und Malin.

-meiner Familie, die sich über WhatsApp und Skype regelmäßig davon überzeugt hat, dass es mir gut geht.

-den Zuständigen vom ASC Göttingen von 1846 e.V. , die ein super Projekt ausgewählt haben und dank derer ich mich gut vorbereitet und jederzeit unterstützt gefühlt habe.

-all meinen SpenderInnen, die dieses Jahr erst möglich gemacht haben (unter der Seite „Unterstützung“ werde ich in den nächsten Tagen noch die Verwendung der Spendengelder darlegen)

-und natürlich Dir, der du meinen Blog verfolgst und selbst die ellenlangen Beiträge wie diesen bis zum Ende liest 😉

Das wars von mir,

Totsiens!

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